Blätter am Boden, Buchstaben an der Wand – Teil 1

Vielleicht habt ihr euch gefragt, warum vor dem Haupteingang des Gebäudes von Pax zwei weisse Eschenblätter und der Begriff «Mittag» im Boden eingelassen sind. Und was bedeutet dieser Bogen aus Buchstaben an der Wand im Eingangsbereich. Bei genauerer Betrachtung werdet ihr im Eingangsbereich auch eine Brotzeit und am Boden einen Schatten aus Granitstein finden. Aber was soll das alles? Es handelt sich um «Kunst am Bau». Was das ist?

«Von Kunst am Bau wird gesprochen, wenn ein Kunstwerk für ein bestimmtes Gebäude geschaffen wird, d.h. wenn für Neu- oder Umbauten eine bestimmte Geldsumme des gesamten Bauvolumens für Kunst eingesetzt wird. Die Kunst tritt dabei in Dialog mit der Architektur, wird Anziehungspunkt, schafft Atmosphäre, verleiht einem Bauwerk einen unverwechselbaren Charakter und kann als Marketinginstrument das Image eines Unternehmens mitprägen. Die künstlerische Gestaltung geht weit über eine rein dekorative Wirkung hinaus.

(…) Ziel ist es, insbesondere Architekturbüros und Bauherrschaften für künstlerische Interventionen an Bauten zu sensibilisieren. Bei städtischen Bauprojekten wird in der Regel ein Prozent der Bausumme für die künstlerische Ausgestaltung, also für Kunst am Bau, eingesetzt. Private Auftraggebende und Bauherrschaften sind eingeladen, ebenfalls ein Prozent für die Kunst in ihr Baubudget aufzunehmen.» (Quelle: Stadt Frauenfeld)

Aber was bedeuten nun die vielen Details vor und im Eingangsbereich von Pax? Ein Ausschnitt aus einem Text von Claudia Spinelli wird es euch näher bringen:

«In der künstlerischen Ausgestaltung des Gebäudes wird das historische Bewusstsein der Architektur gespiegelt. Sie geht auf zwei von den Künstlerpaaren Barbara Maria Meyer (*1955) / Markus Gadient (*1958) und Teresa Hubbard (*1963) / Alexander Birchler (*1962) konzipierte Projekte zurück, die beide die architektonische, stadtgeschichtliche und geografische Dimension des Ortes thematisieren und die heutige Zweckbestimmung des Baus reflektieren.

Der narrativ ausgerichtete Entwurf von Teresa Hubbard und Alexander Birchler ist inhaltlich und formal auf die ehemalige Stadtmauer bezogen, deren Fundamente übrigens während der Bauarbeiten zum Vorschein kamen. Ihr Entwurf basiert auf der Rekonstruktion des Schattens der ehemaligen Mauer. Das Künstlerpaar berechnete einen exemplarischen Schattenstand um die Mittagszeit an einem bestimmten Datum und markierte dessen Form mittels eingelegter Granitplatten. Die Schattenzeichnung reicht über die Grenzen der Eingangshalle hinaus und umfasst auch den gesamten Bereich der äusseren Durchgangszone. Aufgrund der Bodenzeichnung lassen sich Aussehen, Stand und Höhe der verschwundenen Stadtmauer erahnen.

In der Eingangshalle vermischen sich die Bild- und Zeitebene: Der künstliche Schatten wird vom realen Schatten des Neubaus überlagert (Anm. Red.: Einweihung 1997). Auf dem Boden, im doppelten historischen und gegenwärtigen Schatten, befindet sich ein sorgfältig zusammengefaltetes Karotuch mit Salami, Brot, Früchten und einem Messer. Man könnte an eine Mahlzeit denken, die ein Torhüter in einem vergangenen Jahrhundert für die Mittagspause bereitgestellt hat. Aus Distanz betrachtet, wirken die Esswaren täuschend echt, beim Nähertreten erkennt man indessen, dass es sich um aus Bronze gefertigte Reproduktionen handelt, die lebensecht übermalt wurden. (…)»

Und was es mit den Eschenblättern und dem Buchstaben-Bogen auf sich hat, berichte ich im zweiten Teil dieser Serie zum Thema «Kunst am (Pax) Bau».

 

Den anderen Beitrag der Serie findet Ihr hier:
Blätter am Boden, Buchstaben an der Wand – Teil 2

Verwandte Beiträge

2 Kommentare

  1. Andres Hodel

    Das Sachlich-Historische habe ich fast alles gewusst. (Das alte Pax-Gebäude habe ich das erste Mal 1971 betreten, als es mir zur Mittagszeit möglich war in der Firmen-Kantine zu servieren – mit damaligen Lernenden zusammen.)
    Der Beitrag ist fein und ausführlich zum bisher offensichtlich Dargestellten ergänzt:
    Lustig ist dabei von einem Torhüter (Torwart oder Goalie) zu sprechen mit seinem Mittagspause-Brot! Torwächter wäre in diesem Zusammenhang die bessere Formulierung.

    • Frank Linnenbach

      Herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Es freut mich zu lesen, dass Sie sogar einen persönlichen Bezug zum Thema haben. Was den Torhüter betrifft, steht es effektiv so in der Publikation, ich habe nochmals nachgeschaut. Der Begriff Hüter ist eine ältere Formulierung. Aber vielleicht hatte das Aeschentor früher ein Netz und keine Holztore. 😉

Kommentar schreiben